Rügen, oder der „mißglückte Wurf“
Geschrieben am 30. März 2007 in Allgemein von engel || Keine Kommentare
Willkommen auf dem einzigartigen Paradies der Kleckerburgen
Nun sind Sie platt! Wie kann es jemand wagen, Deutschlands größte Insel als „mißglückten Wurf“ zu bezeichnen? Es waren die Insulaner selbst, Generationen vor uns, die mit diesen Worten die sagenhafte Entstehung ihres Eilandes umschrieben haben. In deren „Muttersprache“ Platt(deutsch) brachte sie einst der in Bergen geborene Heimatforscher Alfred Haas zu Papier. „As uns’ Hergott de Welt schaffen ded un all binah dormit farig wir . . .“
In Kurzform und allgemein verständlich in Hochdeutsch heißt dies nichts anderes, als daß der Herrgott mit dem Erschaffen der Welt fast fertig war. Jedenfalls kam ihm die pommersche Küste zu kahl vor, so daß er schwungvoll eine volle Maurerkelle von Bornholm aus
davorklatschte. Das Zielwasser fehlte so kurz vor „Schichtschluß“ und das Ganze fiel ungefähr eine halbe Meile vor dem Festland ins Meer. Mit dem mißglückten Wurf war der Hauptteil Rügens, auch „Mutland“ genannt, entstanden. Bei dem gab sich der Meister noch Mühe, und strich die Kanten halbwegs glatt. Anschließend kratzte er nach und nach die Reste aus der Molle und klatschte sie an Rügen ran, die Geburtsstunde der Halbinseln Jasmund und Wittow. Doch da unser Herrgott schon damals über eine gutgehende
Feierabenduhr verfügte, legte er hernach pünktlich das Werkzeug aus der Hand und Rügen blieb eben so rauh und kantig, wie es war.
Zwischenzeitlich sind nicht nur die Insulaner heilfroh über diesen „mißglückten Wurf“ und die „Flickschusterei“. Beides so kunstvoll
auszuführen, „uns’ Herrgott“ hat seinen Meister im Nachahmen noch nicht gefunden. Das heute knapp 80.000 Seelen zählende Inselvölkchen hat sich dies über Jahrhunderte hinweg auch nicht angemaßt. Im Gegenteil: Leben auf Insula Rugia im Baltischen Meere war und ist vom Arrangement mit der Natur und ihren Gewalten bestimmt. Ob das tägliche Brot nun mit der Kreide, dem „weißen Gold“ der Insel, mit dem Heben der Schätze aus den Küstengewässern, zu dem der Hering, das „Silber des Meeres“ gehört, oder mit dem Bestellen der windüberbrausten Scholle auf hügeliger Erde verdient wurde und wird, stets setzten die Insulaner behutsam auf die vom himmlischen Vater geschaffene Trumpfkarte, ihr zerklüftetes Eiland, in Anlehnung an die Entstehungsgeschichte wohl auf ein
Paradies der „Kleckerburgen“.
Zugegeben, da wo sich die Urgewalten noch frei entfesseln können, ist das Tagewerk gewiß schwerer zu vollbringen als anderenorts. Rügen, rauh und schroff, steht als Beispiel dafür. Wen wundert’s, daß den Einheimischen da ab und an eine etwas eigentümlich anmutende Mentalität nachgesagt wird. Die ist schließlich auch nichts anderes, als das Ergebnis jahrhundertelangem Arrangements mit der Urnatur. Diesbezüglich kann getrost das Sprichwort zitiert werden: „Unter jeder rauhen Schale . . .“ Dafür bedarf es aber sicher des „zweiten“ Blicks.
Apropos Blick. In den der Öffentlichkeit ist Deutschlands größte Insel nicht erst seit heute gerückt. Denken wir an Caspar David Friedrichs Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“. Es gehört zweifelsohne mit zu den „Botschaftern“, die das Paradies der Kleckerburgen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit stellten. Dem Begründer der deutschen Landschaftsmalerei folgten ebenso namhafte Berufskollegen, Dichter, Musiker, Gelehrte – die Großen ihrer Zeit. Wilhelm von Humboldt, Heinrich von Kleist, Karl Friedrich Schinkel gehören ebenso wie Friedrich Schleiermacher, Clara Schumann und Johannes Brahms dazu, um nur einige zu nennen. Rügen, der Flecken fast unberührter Natur, Quelle des Zeitgeistes.. „Ich werde mich noch im Himmel an diese Zeit erinnern.“ Mit diesen Worten
umschrieb der ebenso berühmte Landschaftsmaler Friedrich Preller der Ältere seine „nordische Epoche“, sprich seine
Rügenaufenthalte im 19. Jahrhundert.
Künstlerkolonien waren zwischenzeitlich auf Hiddensee und der kleinen Insel Vilm entstanden, die besagte Größen ihrer Zeit magisch anzogen. So unbefleckt das Eiland im Baltischen Meere, entsprangen auf ihm doch Ideen, die die Welt mit veränderten.
Gewandelt hat sich auch Rügen. So war der Ausgang des 19. Jahrhunderts bestimmt von einem neuen Zeitgeist. Den „Exoten“ folgte Adel und gutbetuchtes Bürgertum, um hoch im Norden dem „himmlischen“ Vergnügen zu frönen. Mit dieser Neuentdeckung am „Ende der Welt“ schlug die Geburtsstunde des Fremdenverkehrs. Seebäder schossen entlang der Ostküste wie Pilze aus dem Boden. Mondän, prunkvoll, italienisches Flair mit ihrer einzigartigen Architektur versprühend, gelangte manches zu Beginn unseres
Jahrhunderts zu Weltruf, denken wir nur an das Ostseebad Binz.
Aufbruchstimmung nach der Wende. Nicht nur das größte Ostseebad an der Prorer Wiek hat sich aufgemacht, alten und in vier Jahrzehnten DDR-Ära nach und nach versiegenden Glanz neu erstrahlen zu lassen. Urlaubsparadies Rügen – Weltoffenheit und Urnatur sind Synonyme, die keinen Widerspruch darstellen, sondern vielmehr jene Synthese bilden, die Deutschlands größte
Insel alljährlich für Hunderttausende zu einem Urlaubsmagneten werden läßt. Sonne, Strand und Meer – Rügen hat mehr, viel mehr. Eineabwechslungsreiche Kunst- und Kulturlandschaft gehört dazu, aus der seit nunmehr sechs Jahren das Rossini Opernfestival als ein Highlight herausragt. Rügen, ein Zauber für die Sinne, entstanden, „as uns’ Herrgott de Welt schaffen ded un all binah dormit farig wir. . .“
Rügen erleben mit dem ruegen-express.de-Team






