Urlaub in Deutschland liegt im Trend. Wir waren zwei Wochen auf Rügen. Und wären gerne noch länger geblieben.
In den letzten 30 Jahren war eigentlich eines immer klar gewesen: Meinen Urlaub verbringe ich möglichst weit weg von Deutschland. Dieses Jahr sollte alles anders sein. Sowohl meine Liebste als auch ich hatten auf einmal Lust, unseren Urlaub in Deutschland zu verbringen. Nach reiflicher Überlegung fiel unsere Wahl auf die Insel Rügen.
Rügen hat alles, was ich für einen erholsamen Urlaub benötige. Als erstes einmal: ein Meer mit kilometerlangen Sandstränden. Zum Zweiten: Ausgedehnte Wandermöglichkeiten durch nahezu unberührte Natur. Große Teile der Insel sind als Nationalpark, Naturschutzgebiet oder als Biosphärenreservat ausgewiesen, wobei mir nicht ganz klar ist, wo dabei die Unterschiede liegen. Und Drittens: Es ist eine der sonnenreichsten Gegenden in Deutschland. Auch wenn das Risiko auf schlechtes Wetter an der Ostsee naturgemäß höher ist als am Mittelmeer.
An einem Samstagmorgen Ende Mai machten wir uns in aller Herrgottsfrühe auf den Weg. Nachdem das unvermeidliche Chaos rund um Hamburg überstanden war, rollten wir die letzten 250 Kilometer auf der neuen Ostseeautobahn gemütlich und staufrei dahin, bis wir nach ca. 8 Stunden die alte Hansestadt Stralsund, inzwischen Weltkulturerbe und das Tor nach Rügen, erreichten. Von dort aus ging es über die alte Brücke rüber auf die Insel.
Schon die 45-minütige Fahrt über die Insel zum Ostseebad Binz, wo wir für die nächsten zwei Wochen unsere Ferienwohnung gemietet hatten, war ein Erlebnis. Wir hatten nicht den Hauptweg über die Bundesstraße gewählt, sondern fuhren über Nebenstrecken, die zu weiten Teilen zur deutschen Alleenstraße zählen, die ja von Rügen aus durch ganz Deutschland führt. Kilometerlang säumten Bäume rechts und links der Straße den Weg, so dass man die ganze Zeit durch einen grünen Tunnel zu fahren schien. Den farblichen Kontrast zum satten Grün bildeten die feuerroten Klatschmohnfelder, die sich hinter den Bäumen erstreckten soweit das Auge reichte. Wann hatte ich so etwas das letzte Mal gesehen? Ich konnte mich nicht erinnern und war bereits jetzt völlig überwältigt von der Schönheit, die diese Landschaft zu bieten hatte.
Binz übertraf alle Erwartungen. Wer, wie meine Liebste, kurz nach der Wende schon einmal dort gewesen war und den Verfall nach 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft fassungslos bestaunen konnte, wähnte sich in einer anderen Welt. Sämtliche der klassischen alten Bädervillen entlang der 3 Kilometer langen Strandpromenade waren in den letzten Jahren umfangreich saniert und überwiegend in Ferienwohnungen umgewandelt worden. Die Baulücken hatte man vorsichtig und stilecht geschlossen und so erstrahlt Binz heute wieder im alten Glanz eines klassischen Seebades aus der Jahrhundertwende.
Das Begrüßungswetter war freundlich und verhieß für die nächsten zwei Wochen erholsame Ferien. Wir hatten uns eine Ferienwohnung in einer der Villen direkt an der Promenade gemietet. Von der Terrasse aus hatten wir einen wunderbaren Ausblick direkt auf die höchstens 50 Meter entfernte Ostsee. Nur Promenade und Strand trennten uns vom Wasser. Eine absolute Traumlage.
Am nächsten Morgen dann der Schock: Über Nacht war eine Schlechtwetterfront aufgezogen. Stürmische Winde peitschten übers Wasser und im Sekundentakt knallten die Wellen lautstark an den Strand. Die Quecksilbersäule verharrte bei 16 Grad und sollte sich auch die nächsten Tage nicht wesentlich steigern. Offenbar waren wir auch dieses Mal wieder nicht mit dem Wettergott im Bunde. Regenschauer, kurze, heftige Gewitter, aber zum Glück auch immer wieder sonnige Abschnitte wechselten sich die nächsten Tage ab. Nur kalt blieb es die ganze erste Woche. An die Nutzung unseres Strandkorbes war zunächst nicht zu denken.
Wir versuchten das Beste draus zu machen, ignorierten die Witterung so weit wie möglich und machten uns in den nächsten Tagen auf, die Insel zu erwandern. Meistens hatten wir dabei Glück im Unglück und die dunklen Wolken, die morgens noch Unheil verkündend den Himmel bedeckten, rissen irgendwann gegen Mittag auf, so dass wir die landschaftliche Schönheit doch noch genießen konnten.
Und da hat Rügen wirklich jede Menge zu bieten. Alles hier aufzuführen, würde den Umfang des Textes bei weitem sprengen. Nicht umsonst hat Merian das aktuelle Juni-Heft ausschließlich dieser Insel gewidmet. Daher hier nur kurz angerissen die in meinen Augen lohnenswertesten Ziele.
Direkt vor unserer Haustür begann der Granitz-Wald, ein weitgehend naturbelassenes Gebiet, auf dem wir immer an der Hochküste entlang bis zum etwa 6 km entfernten Nachbarseebad Sellin mit seiner berühmten bebauten Seebrücke gewandert sind. Auf dem Rückweg wählten wir dann die Strecke mitten durch den Wald, der nach einem kurzen aber giftigen Aufstieg zum Jagdschloss Granitz führte. Die freischwingende, gusseiserne Wendeltreppe hoch in den Mittelturm ist mit ihren 154 Stufen nur etwas für Schwindelfreie. Dafür entschädigt oben angekommen der Ausblick über den gesamten nord-östlichen Teil der Insel für die Mühe und den Angstschweiß.
Sehr empfehlenswert ist auch ein Abstecher ins Mönchgut, einer dünn besiedelten Landschaft südlich der Seebäder. In sanften Hügeln schwingt sich dort die grüne Landschaft bis ans Meer. Ein paar Schafe, bunte Blumenwiesen und ab und an ein paar reetgedeckte Häuser bieten herrliche Eindrücke. Wir haben als Wandertour die Umrundung des Zickerschen Höft gewählt, einer Halbinsel im südlichen Teil des Mönchguts, das wir in gut zwei Stunden immer an der Küste entlang umrundet hatten.
Natürlich durfte auch die Königsetappe auf Rügen nicht fehlen. Von Sassnitz aus auf dem Hochuferweg an der Kreideküste entlang bis zum Königsstuhl. Hier hat sich Caspar David Friedrich die Eindrücke für sein weltberühmtes Bild von den Kreidefelsen auf Rügen geholt. Der gut ausgebaute Wanderweg führt durch die Stubnitz, das größte zusammenhängende Waldgebiet auf der Insel. Immer wieder bieten sich spektakuläre Ausblicke auf die Steilküste, bevor sich der Weg dann wieder etwas von der Küste abwendet und durch den Wald schlängelt. Schwer passierbare Stellen sind durch teilweise mehrere hundert Meter lange Treppen- und Brückenkonstruktionen aus Holz begehbar gemacht worden. Der Weg ist durch seine ständigen An- und Abstiege recht beschwerlich und so waren wir schon ein wenig erschöpft, als wir nach etwa 2 ½ Stunden das Ziel erreichten.
Auch Hiddensee, die kleine Schwester von Rügen und an der Nordwest-Küste vorgelagert, sollte man unbedingt besuchen. Von Schaprode aus geht es mit der Fähre auf diese autofreie Insel, nur 16 km lang und zwischen 300 und 3.000 Metern breit. Die Zeit scheint dort dir letzten hundert Jahre stillgestanden zu haben. Keine Autos, keine Hektik, nur Schafe, drei Dörfer und ein Leuchtturm. Mit dem Fahrrad einmal von Nord nach Süd und wieder zurück ist inklusive Kaffepause und Besichtigung des Leuchtturms, zu dem man übrigens nicht direkt mit dem Fahrrad hinkommt und noch ein gutes Stück laufen muss, in drei bis vier Stunden bequem zu erledigen.
Bliebe noch Kap Arkona, der nördlichste Punkt der Insel mit seinen beiden Leuchttürmen. Auch dort gibt es einen schönen Küstenwanderweg.
Zum Glück wurde das Wetter in der zweiten Woche besser. Die Sonne setzte sich zunehmend durch, es wurde wärmer und so konnten wir auch ein wenig das Strandleben genießen. Bei langen Strandspaziergängen und einigen faulen Stunden im Strandkorb, bewaffnet mit John Irving und reichlich Sudokus, konnten wir die Seele ein wenig baumeln lassen.
Alles in allem war es ein sehr erholsamer Urlaub. Rügen ist wirklich eine traumhaft schöne Insel. Kilometerlange, flach ins Wasser abfallende Strände, herrliche Wander- und Radwege durch zum Teil fast unberührte Natur, abwechslungsreiche Landschaft, mit Binz und Sellin zwei wunderschöne Seebäder und viele weitere Sehenswürdigkeiten, die ich hier gar nicht alle aufzählen konnte, machen Rügen zu einem idealen Urlaubsort.
Wenn nur die Sache mit dem Wetter nicht wäre. Aber wenn man der Wetter-Statistik glauben darf, haben wir wohl einfach nur ein wenig Pech gehabt. Eines ist jedenfalls klar: Das war sicher nicht das letzte Mal, dass wir dorthin gefahren sind.
Quelle: www.pr-online.de
Rügen erleben mit dem ruegen-express.de-Team