Die Kanzlerin kommt nach Stralsund. Die SPD/CDU-Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns platzt beinahe vor Stolz und Optimismus. Rings um den Strelasund wird gleich drei Tage lang ein Volksfest gefeiert – mit Rock, Pop, Volksmusik und allerlei Buden. “Staunen statt Stau”, jubelt die Ostseezeitung – und Rügens Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei) spricht von einem neuen “Wahrzeichen der Region” und prophezeit “ein unvergessliches Erlebnis”.
Dabei geht es nur um eine Brücke. Ende der Woche wird die neue Rügenbrücke nach drei Jahren Bauzeit eingeweiht. Der Bau, der in luftigen 42 Metern Durchfahrtshöhe den Strelasund überquert, gilt allerdings als technisches Meisterwerk. Mit exakt 4097 Metern ist die aus sechs Segmenten sowie zwei Rampen bestehende Brücke eine der längsten bundesweit.

Sahen Besucher bisher auf die drei imposanten Kirchtürme der alten Backsteinkathedralen, wenn sie sich Stralsund näherten, so hat sich in das spätmittelalterliche Bild nun der 128 Meter hohe Neuzeit-Pylon geschoben. An ihm hängen die massiven Stahlseile für das Brückenteil, unter dem Schiffe aller Art problemlos hindurchfahren. Längst hat die Brücke ihren Spitznamen weg: “Strelagate” heißt sie im Volksmund – eine Mischung aus der offiziellen Bezeichnung Strelasundquerung und der Anspielung auf die weltberühmte Golden Gate Bridge in San Francisco.
Kaum hat man in Stralsund die Brücke erreicht, steht man mit einem Fuß fast schon auf Rügen. Es geht gleich steil bergauf, um den Ziegelgraben zu überqueren. Unten fahren die Schiffe, hinten links eröffnet sich das Altstadt-Panorama, das die Unesco seit fünf Jahren zum Weltkulturerbe zählt. Die Krönung des Blicks aber liegt in Fahrtrichtung: die größte deutsche Insel aus einer neuen Perspektive. Ist der Scheitelpunkt überwunden, geht es leicht abwärts Richtung Altefähr, fast parallel zum alten Rügendamm aus den dreißiger Jahren. Dieser sorgte seit Jahren für Unmut. Denn im Schnitt muss die Ziegelgrabenbrücke täglich viermal für jeweils 20 Minuten für den Schiffsverkehr geöffnet werden; in der Hochsaison eine Staugarantie.
Von der neuen Verbindung verspricht sich der Tourismusverband des Küstenlandes noch mehr Urlauber. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Rügen-Gäste bereits auf 1,3 Millionen verdoppelt. In diesem Jahr rechnet man im sonst strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern mit einem neuen Übernachtungs-Rekord.
Wenn Angela Merkel am Sonnabend die Brücke freigibt, haben allerdings erst einmal sechs Stunden lang nur Fußgänger freie Bahn. Der Bau aus Beton und Stahl gilt als die Jobmaschine der letzten Jahre im Wahlkreis der Kanzlerin (Stralsund/Nordvorpommern/Rügen), den sie seit 1990 ununterbrochen gewinnen konnte. Ohnehin werden die im Sommer bis zu 20 Kilometer langen Autoschlangen nach der Eröffnung der zweiten Rügenbrücke nicht verschwunden sein.
Die Erweiterung der Bundesstraße 96 in Richtung Bergen und Sassnitz beginnt erst im kommenden Jahr und soll mindestens zweieinhalb Jahre dauern. Es wird damit gerechnet, dass der Stau auf die Insel verlagert und die neue Brücke das Verkehrsaufkommen noch erhöhen wird. Auch deshalb lehnten Naturschutzverbände, Bio-Bauern und die Grünen den Bau strikt ab.
“Architektonisch bewundere ich die Brücke schon”, meint Ulrich Söffker, “aber wir befürchten, dass der Erholungswert der Insel durch noch mehr Autos sinken wird.” Die Touristen kämen, so der Landesgeschäftsführer der Grünen, um sich an der Natur zu erfreuen und nicht zu einer Autoausstellung. Söffker hätte sich einen Ausbau des Bus- und Bahnverkehrs in der Region gewünscht. Der Zugverkehr rollt weiter über den zwischen 1931 und 1935 errichteten Rügendamm.
Zwar mindern auf der neuen Brücke spezielle Windabweiser und zwei Meter hohe durchsichtige Glaswände den Druck insbesondere auf Lkw. Trotzdem bleibt an manchen Tagen auch für Autos nur die alte Strelasundquerung auf dem Damm für den Weg nach Rügen. Doch Sturm mit mehr als Windstärke neun, das entspricht 75 Kilometern pro Stunde, ist auch an der Ostseeküste eher selten.
Rügen erleben mir dem ruegen-express.de-Team